Die Tomate des Kolumbus

Vielen ist es vielleicht gar nicht bewusst, dass die Tomate nicht schon bei den alten Germanen auf den Balkonen und in den Vorgärten stand. Und auch Cäsar in Rom musste bei Spaghetti und Pizza noch auf die aromatische rote Sauce verzichten.

Es war nämlich erst Christoph Kolumbus, der die Pflanzen aus dem neu entdeckten Amerika mit nach Europa brachte. Die Indianer hatten sie dort seit Jahrhunderten in tausenden Variationen gezüchtet.
Einmal eingeführt ließ sich der Triumph der Nachtschattengewächse allerdings nicht mehr aufhalten. Es dauerte kaum 200 Jahre bis sie in ganz Europa fester Bestandteil des Speiseplans war. Heutzutage ist kein Kindergeburtstag ohne Ketchup, keine Sauce ohne Tomatenmark und kein Mozzarella ohne Fleischtomate mehr denkbar.

 

Kolumbus und die "long-life-Tomate"?

 

Oft frage ich mich, was wohl passiert wäre, hätte Kolumbus nicht die wohlschmeckenden Tomaten der Inkas und Mayas, sondern die moderne, transport- und ertragsoptimierte long-life-Tomate im Gepäck gehabt. Die Früchte wären vermutlich als „ungiftig, aber ungenießbar“ eingestuft worden und die Tomaten wären dank ihrer schönen Blüten wohl als reine Zierpflanzen geendet. Die Geschichte der europäischen Küche wäre komplett anders verlaufen: kein „pan con tomate“ in Barcelona, keine „Spaghetti Napoli“ und keine Ratatouille in Nizza.

Leider haben wir bei uns einen großen Nachteil gegenüber den südamerikanischen Indios: unseren langen, kalten und dunklen Winter. Licht und Wärme sind aber die entscheidenden Faktoren, wenn die Tomaten schmecken sollen. Also behalf man sich noch bis vor 20, 30 Jahren mit den althergebrachten Methoden: auf Sizilien wurden die Tomaten eingemacht, in Spanien in der Sonne getrocknet und in Frankreich püriert. Alles um auch im Winter nicht auf die geliebte Frucht verzichten zu müssen.
Kaum zu glauben, sieht man sich heute das Angebot im Supermarkt an: Sommer wie Winter, Tomaten in allen Formen, Farben und Größen. Und das zu durchaus moderaten Preisen. Wie geht das? Wie schlagen wir dem Winter so ein Schnippchen?

 

Schafft moderne Technik alles?

 

Zwei Schlagworte geben uns darauf die Antwort: Züchtung und Technik. Es wird laufend nach neuen Sorten gesucht, die mit weniger Licht auskommen. Gleichzeitig entwickeln Ingenieure Gewächshäuser aus Plastik, die das wenige Licht und die wenige Wärme im Winter optimal einfangen. Ohne zusätzliches Beheizen und Beleuchten geht es oft trotzdem nicht. Zudem müssen die Tomaten einen Transport über 3000 km aus Andalusien nach Deutschland überstehen und mindestens noch Kondition für 6-7 Tage im Discounter mitbringen.
Weil das Leben aber nun mal kein Wunschkonzert ist, kann auch der beste Lebensmittelingenieur nicht alle Wünsche erfüllen: also entweder lange haltbar, oder bei der Ernte rot und reif statt orange und unreif; entweder den Transport überstehen, oder schmecken; entweder günstig und ertragreich, oder durch Beleuchtung und Beheizung auch im Winter lecker.   

  

Fazit?

 

Es bleiben uns in der kalten Jahreszeit derzeit drei Alternativen:

1.     Wir verzichten auf Tomaten und behelfen uns mit den Mitteln unserer Großmütter (s. oben).

2.     Wir kaufen für wenig Geld etwas, das aussieht wie Tomaten, den Geschmack aufgeweichter Papiertaschentücher hat, aber mit entsprechenden Dressings und Gewürzen immerhin zur Sättigungsbeilage taugt.

3.     Wir gönnen uns, weil wir nun mal Tomatenliebhaber sind, auch im Winter den Luxus wohlschmeckender, aromatischer Tomaten und nehmen die höheren Kosten für Sorten, Heizen und Licht in Kauf. Frei nach dem Motto: lieber seltener, aber dafür gut.

Leider können wir den alten Kolumbus nicht mehr befragen. Für was er sich wohl entschieden hätte?

Herzlichst, Ihr